Mit dem nachfolgenden offenen Brief vom 12. August 2003 hat
sich der Vorsitzende des Deutschen Wasserstraßen- und Schiffahrtsvereins
(DWSV), Berufsm. Stadtrat Dr. Roland Fleck, an Bundeskanzler Gerhard Schröder
gewandt:
Offener Brief:
Rhein-Main-Donau-Wasserstraße im Rahmen der Integration südosteuropäischer
Staaten logistisch nicht austrocknen!
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
ich vertrete den Deutschen Wasserstraßen- und
Schiffahrtsverein als einen Zusammenschluss von Wirtschaftsunternehmen,
Gebietskörperschaften, Kammern, Verbänden und Einzelpersönlichkeiten. Ziel des
Vereins ist es, die Förderung leistungsfähiger Wasserstraßen für die
Binnenschifffahrt voranzutreiben, auch im Sinne Umwelt entlastender Verkehrsverlagerung
weg von der Straße und hin zur Wasserstraße. Im besonderen liegen unsere
Aufgaben im Bereich sachbezogener Informationsarbeit zu den
verkehrslogistischen und damit ökonomischen, aber auch ökologischen Vorteilen
der Rhein-Main-Donau-Wasserstraße.
Der Bundesverkehrswegeplan bis 2015, der im Juli durch Ihr
Kabinett beschlossen worden ist, hat den Mitgliedern des Deutschen
Wasserstraßen- und Schiffahrtsvereins Rhein-Main-Donau e.V. deutlich gezeigt,
dass der Verkehrsträger Binnenschiff bei der von Ihnen geführten Bundesregierung
leider nicht den ihm angemessenen Stellenwert als Umwelt entlastendes
Transportmittel erhält.
Die Wasserstraßen - und damit die Binnenschifffahrt - werden mit 0,8 Mrd. € für Ausbau- und Neubaumaßnahmen und ca. 6,7 Mrd. € für Erhaltungsmaßnahmen abgespeist!
Das ist allein schon - obwohl wir über die allgemeine Finanzknappheit wissen - deshalb unverständlich, weil die Binnenschifffahrt mit 230 Mio. Tonnen transportierter Güter jährlich einen mit dem Schienengütervolumen von 285 Mio. Tonnen fast vergleichbaren Anteil am Güterverkehrsvolumen bewältigt. Dafür erhält die Bahn jedoch 25,5 Mrd. € für Aus- und Neubau sowie 38,4 Mrd. € für Erhaltungsmaßnahmen. Wir halten dies für ein krasses Missverhältnis.
Der neue
Bundesverkehrswegeplan mit dem vielversprechenden Titel "Grundlagen für
die Zukunft der Mobilität" spiegelt ein offenkundiges Desinteresse der
Bundesregierung an der umweltfreundlichen Binnenschifffahrt wider. Durch diese
Verweigerung der Herstellung wettbewerbsfähiger Infrastruktur wird den
Binnenschifffahrts-Unternehmen eben keine Mobilität und damit auch keine
Zukunft zugestanden! Auch ein Gesetz zur Planungssicherheit der Nutzer der
Binnenschifffahrtswege, eine Art "Wasserstraßenausbaugesetz" fehlt,
im Gegensatz zu den anderen Verkehrsträgern Straße und Schiene.
Die
geschilderte eklatante Benachteiligung des Verkehrsträgers Binnenschifffahrt
mündet in drei ökonomisch und ökologisch wirksamen Resultaten:
1. Verhinderung
von Verkehrsverlagerung: Das Binnenschiff ist im Vergleich zum LKW ein
umweltfreundlicherer Verkehrsträger, der das Potenzial hat, die Fernstraßen zu
entlasten und damit Emissionen zu reduzieren. Offenbar hält die derzeitige
Bundesregierung diese umweltpolitische Zielsetzung nicht mehr für notwendig und
nimmt lieber verstopfte Straßen, noch mehr Staus und stark zunehmende negative
externe Effekte des Straßenverkehrs zu Lasten der Gesellschaft billigend in
Kauf.
2. Behinderung
der Integration der südosteuropäischen Staaten im Donauraum: 10
Staaten mit rund 75 Millionen Einwohnern werden ab Mai 2004 der EU angehören.
Die Erweiterung der Europäischen Union um Staaten aus Mittel-, Ost- und
Südosteuropa ist ein Unterfangen von historischer Bedeutung, eine politische,
wirtschaftliche und kulturelle Notwendigkeit, zu der es keine Alternative gibt.
Der Zugang Deutschlands zu den östlichen Märkten - aber auch die daraus
resultierende verkehrliche und logistische Verknüpfung - wird steigen. Es
werden also Lösungen erforderlich, Verkehre umweltfreundlich zu ermöglichen und
die ökonomische Integration unserer Nachbarn infrastrukturell zu unterstützen.
Durch die Negierung der Bedeutung der Binnenschifffahrt zeigt sich fehlende
europäische Verantwortung, da die Bundesregierung offenbar Anspruch und
Notwendigkeit unserer Nachbarn nicht erkennt, sich ohne gravierende
mobilitätshemmende Engpässe wirtschaftlich zu entwickeln. Auf diese Weise
werden die Güteraustauschprozesse und die damit verbundenen
Integrationsanstrengungen der neuen EU-Mitglieder behindert: Die Donau ist
nämlich gerade in Südosteuropa ein bedeutender Haupttransportweg.
3. Verschlechterung
der Basis für qualitativ hochwertige Logistikdienstleistungen: Logistik
hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr zu einem Schlüsselfaktor der
hochgradig arbeitsteiligen deutschen Volkswirtschaft entwickelt: Das
Marktvolumen liegt bei rund 130 Mrd. € oder 6% des Bruttoinlandsproduktes. Mit
rund 2 Millionen Arbeitsplätzen werden damit rund 5% aller Erwerbstätigen in
Deutschland im Bereich Logistik beschäftigt. Logistik-Dienstleistungen für die
Binnenschifffahrt haben gewichtige indirekte Beschäftigungswirkungen, z.B.
Beschäftigte in den Häfen oder Güterverkehrszentren oder bei dort angesiedelten
Unternehmen. Die Verschlechterung der ökonomischen Handlungs- und
Wettbewerbsfähigkeit der Binnenschifffahrt durch die derzeitige Bundesregierung
führt zur Absenkung des Dienstleistungsniveaus und damit zu neuer
Arbeitslosigkeit.
Diese
Resultate der Benachteiligung der Binnenschifffahrt - insbesondere an der Donau
- stellen aber nur den Gipfel eines Berges von Unvernunft dar, dessen Fundament
schon im Jahre 2002 gelegt wurde:
Nach Negierung der eindeutigen Ergebnisse zum staugestützten Ausbau der "Vertieften Untersuchungen" des Donauausbaus zwischen Straubing und Vilshofen, nach der interessengelenkten Expertenanhörung im Verkehrsauschuss des Bundestages, nach Ignorierung der Anhörungsergebnisse und vorschneller sowie sachfremder Vorfestlegung auf die Ausbauvariante A durch die damaligen rot-grünen Fraktionsvorsitzenden Rezzo Schlauch und Peter Struck, nach einem übereilten Bundestagsbeschluss, nach der Fixierung des Donauausbaus nach Variante A im 5-Punkte-Programm der "Nationalen Flusskonferenz" und der Wiederauflage rot-grüner Politik im Koalitionsvertrag hört der Deutsche Wasserstraßen- und Schiffahrtsverein Rhein-Main-Donau e.V. nicht auf, Ihre eklatanten politischen Fehlentscheidungen zu beklagen. Die rot-grüne Bundespolitik missachtet die Potenziale der Donau als Integrationsfaktor für die Beitrittsstaaten des Donauraumes und die Umweltentlastungseffekte der Binnenschifffahrt völlig!
Ganz
anders verhält sich hierzu glücklicherweise die EU-Ebene: Die EU-Kommission
will sich für den raschen und vorrangigen Ausbau der Donau zwischen Straubing
und Vilshofen einsetzen. Dieses Projekt ist in das „Weißbuch der Zukunft der
gemeinsamen EU-Verkehrspolitik“ aufgenommen worden. Die europäische
Verkehrspolitik will also für die Wirtschaft im „neuen“ Europa eine gut
ausgebaute und moderne Infrastruktur schaffen und dafür Zuschüsse gewähren. Dieses Projekt wird den Beitrittskandidaten
helfen, sich vollständiger in die Europäische Union zu integrieren und die östlichen
Donauländer näher an die Union zu bringen. Von der durch EU-Verkehrskommissarin
Loyola de Palacio beauftragten und hochrangig besetzten Expertengruppe unter
Leitung des ehemaligen EU-Verkehrskommissars Karel van Miert wurde der Ausbau
der Donau zwischen Straubing und Vilshofen mit einer ganzjährigen Abladetiefe
von 2,50 m als vorrangiges Projekt bestätigt. Die Expertengruppe mahnt aber an,
dass die von der rot-grünen Bundesregierung festgelegte Ausbauvariante A diesem
Anspruch der Integrationsunterstützung nicht genügen wird.
Sehr
geehrter Herr Bundeskanzler, die amtierende Bundesregierung muss endlich
erkennen, dass die Zeiten nur nationaler Infrastruktur beendet sind und dass -
durch die Vertiefung des wirtschaftlichen Austausches im Rahmen der
europäischen Integration - ein wachsender Bedarf nach europäischer
Infrastruktur besteht! Die Donau wurde als einzige Wasserstraße in die Liste
der Paneuropäischen Korridore als eigenständiger Korridor VII aufgenommen. Es
darf nicht sein, dass insbesondere das Nadelöhr zwischen Straubing und Vilshofen
als Engpass zu einem Hemmnis für den wirtschaftlichen Aufschwung der
Rhein-Main-Donau-Region und der Beitrittskandidaten zur Europäischen Union
wird. Der durchgängig ausgebauten und für die Verkehrswirtschaft verlässlichen
Rhein-Main-Donau-Wasserstraße kommt eine tragende Rolle zu. Die
Beitrittsstaaten und Deutschland partizipieren ökonomisch davon: Donauausbau
bedeutet Wohlstandsaufbau!
Der
Deutsche Wasserstraßen- und Schifffahrtsverein Rhein-Main-Donau wird nicht aufhören
für den sachgerechten Ausbau der Donau mit den staugestützten D-Varianten zu
argumentieren, um die von der EU gewünschten Zielsetzungen der
Verkehrsverlagerung und Eingliederungsunterstützung realisieren zu helfen.
Nationale
Alleingänge - oder wie im Fall des Donauausbaus - nationale Stillstände schaden
der gesamten europäischen Entwicklung. Der "Pseudo-Donauausbau" nach
Variante A schadet Umwelt, Verkehrslogistik und Beschäftigung! Überdies
missachtet er das Gebot der nachhaltigen Entwicklung, ein Prinzip, auf das Ihre
Regierung immer wieder hinweist und auf das, wie wir meinen, sowohl die Steuern
zahlenden Bürger wie auch die zu unterstützenden südosteuropäischen Nachbarn
Anspruch haben. Die staugestützten D-Varianten bieten die erwiesenermaßen beste
Lösung!
In diesem
Sinne appellieren wir an Sie, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, sowohl den
Donau- wie auch den unter Vorbehalt gestellten Mainausbau sachkundig,
nachhaltig und europäisch statt ideologisch, kurzfristig und national zu
entscheiden: Sie helfen der Binnenschifffahrt, unseren südosteuropäischen
Nachbarn, den Volkswirtschaften in Mittel- und Osteuropa sowie vor allem den
Menschen, die von den umweltspezifischen Vorteilen des ökologisch
verträglichsten Verkehrsträgers Binnenschiff profitieren.